Warum sie plötzlich zerfällt
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ToggleFast jeder Schwimmer kennt dieses Gefühl: Die ersten Bahnen fühlen sich sauber, rhythmisch und kontrolliert an. Doch mit zunehmender Trainingsdauer verändert sich etwas. Der Wassergriff wird unsauber, die Lage wird instabil, die Atmung hektischer. Plötzlich fühlt sich das Schwimmen anstrengend an – obwohl das Tempo objektiv gar nicht höher ist.
Viele Schwimmer erleben diesen Moment als ein abruptes Einbrechen der Technik. In Wahrheit passiert dieser Prozess schleichend. Technik zerfällt nicht von einer Bahn auf die nächste, sondern wird Schritt für Schritt von Ermüdung beeinflusst. Genau deshalb ist das Thema so entscheidend für langfristigen Fortschritt.
Warum Ermüdung im Schwimmen besonders sichtbar wird
Im Schwimmen ist Technik kein isolierter Baustein, sondern die Grundlage für jede Bewegung. Sobald Kraft, Koordination oder Körperspannung nachlassen, wirkt sich das unmittelbar auf die Wasserlage und den Vortrieb aus.
Anders als beim Laufen oder Radfahren gibt es im Wasser keine echte passive Phase im klassischen Sinne, in der sich der Körper ohne Einfluss von Widerstand fortbewegt. Zwar gibt es auch im Schwimmen kurze Gleit- oder Stützphasen – zum Beispiel im Kraulschwimmen, wenn ein Arm nach vorn gestreckt ist, während der andere in der Rückholphase über Wasser geführt wird.
In dieser Phase gleitet der Körper jedoch nicht widerstandsfrei, sondern „surft“ gewissermaßen auf der vorderen Hand und der aktuellen Körperlage. Der Vortrieb entsteht dabei nicht neu, sondern basiert auf dem zuvor erzeugten Impuls. Gleichzeitig wirkt permanent Wasserwiderstand auf den Körper ein, der dieses Gleiten kontinuierlich abbremst.
Genau darin liegt der Unterschied zu echten passiven Phasen an Land: Auch während des Gleitens entscheidet die Technik darüber, wie viel Geschwindigkeit erhalten bleibt oder verloren geht. Kleine Veränderungen in Körperspannung, Kopfposition oder Armhaltung wirken sich sofort auf den Widerstand und damit auf den Energieverbrauch aus.
Diese Zusammenhänge sind auch aus der Schwimm‑ und Sportwissenschaft gut belegt, da der Wasserwiderstand im Schwimmen den größten Teil des Energieaufwands bestimmt (vgl. z. B. https://www.schwimmlexikon.de/Wasserwiderstand/).
Wenn Ermüdung einsetzt, versucht der Körper, fehlende Effizienz durch mehr Kraft zu kompensieren. Das führt jedoch meist zu noch höherem Widerstand und beschleunigt den technischen Zerfall.
Typische technische Veränderungen unter Ermüdung
Unter Ermüdung zeigen viele Schwimmer ähnliche Muster. Der Armzug wird kürzer, der Ellbogen fällt ab, die Rotation verliert an Kontrolle. Gleichzeitig nimmt die Körperspannung ab, was zu einer tieferen Wasserlage führt.
Auch die Atmung verändert sich. Atemzüge werden häufiger, kürzer und weniger rhythmisch. Das beeinflusst wiederum die Kopfposition und stört den gesamten Bewegungsablauf.
Diese Veränderungen sind keine individuellen Schwächen, sondern typische Reaktionen des Körpers auf steigende Belastung.
Warum viele Trainingsformen Technik unter Ermüdung verschlechtern
Ein häufiger Fehler im Schwimmtraining ist es, Technik ausschließlich im ausgeruhten Zustand zu trainieren. Sobald Ermüdung einsetzt, wird der Fokus automatisch auf das Durchhalten gelegt.
Lange Serien ohne klare Pausen, unsaubere Temposteuerung oder permanent mittlere Intensitäten sorgen dafür, dass Schwimmer genau die Technik verfestigen, die sie eigentlich vermeiden wollen.
Wer regelmäßig ermüdet mit schlechter Technik schwimmt, trainiert diese Technik – unabhängig davon, wie sauber sie zu Beginn der Einheit war.
Technik unter Ermüdung ist trainierbar
Die gute Nachricht ist: Technik unter Ermüdung lässt sich gezielt trainieren. Voraussetzung ist jedoch, dass Ermüdung kontrolliert und geplant entsteht – und nicht zufällig am Ende einer Einheit oder durch dauerhaft zu hohe Belastungen.
Im Kern geht es darum, den Punkt zu treffen, an dem Ermüdung spürbar wird, die Technik aber noch aktiv gesteuert werden kann. Genau in diesem Bereich findet Lernen statt. Wird die Belastung zu niedrig gewählt, fehlt der Trainingsreiz. Wird sie zu hoch gewählt, übernimmt der Körper automatische Kompensationsmuster, und Technik lässt sich kaum noch beeinflussen.
Das bedeutet konkret, Belastung und Pause so zu wählen, dass Technik bewusst beobachtet, korrigiert und wiederholt stabilisiert werden kann. Kurze bis mittlere Serien mit klar definierten Tempozonen eignen sich dafür besonders gut, weil sie Ermüdung dosiert aufbauen. Gezielte Pausen geben dem Nervensystem die Möglichkeit, technische Informationen zu verarbeiten, bevor der nächste Belastungsabschnitt beginnt.
Wichtig ist dabei ein klarer technischer Fokus. Statt viele Korrekturen gleichzeitig umzusetzen, sollte unter Ermüdung bewusst an einzelnen Merkmalen gearbeitet werden – etwa an der Wasserlage, der Zuglänge oder der Atemkoordination. So lernt der Körper, auch unter steigender Belastung effizient zu bleiben, anstatt Kraft durch Widerstand zu verlieren.
Richtig eingesetzt wird Techniktraining unter Ermüdung damit zu einem wirkungsvollen Werkzeug, um Technik nicht nur im ausgeruhten Zustand, sondern auch unter realistischen Belastungsbedingungen stabil zu halten.
Die Rolle von Pausen bei technischer Stabilität
Pausen sind ein zentrales Werkzeug, um Technik unter Ermüdung zu erhalten. Sie unterbrechen nicht den Trainingsreiz, sondern ermöglichen es, Qualität über mehrere Wiederholungen hinweg zu sichern.
Warum Pausen dabei eine so große Rolle spielen und wie sie gezielt eingesetzt werden können, habe ich im Artikel „Warum Pausen im Schwimmtraining entscheidend sind“ ausführlich beschrieben.
Tempo als Schlüssel zur Technikstabilität
Auch das geschwommene Tempo entscheidet darüber, wie lange Technik stabil bleibt. Zu hohe Intensitäten führen schnell zu technischen Kompensationen, während zu niedrige Intensitäten keinen ausreichenden Reiz setzen.
Eine saubere Temposteuerung hilft, Ermüdung dosiert entstehen zu lassen und Technik bewusst zu kontrollieren. Der Zusammenhang zwischen Tempo und Belastung wurde bereits im Artikel „Mit Puls & Tempo im Schwimmtraining steuern“ erläutert.
Technik unter Ermüdung im Trainingsalltag erkennen
Viele Schwimmer bemerken technische Veränderungen erst sehr spät. Oft wird erst reagiert, wenn sich das Schwimmen bereits deutlich schwer anfühlt oder das Tempo spürbar einbricht. Hilfreich ist es deshalb, frühzeitig auf typische Signale zu achten, die auf beginnende Ermüdung hinweisen.
Dazu gehören unter anderem ein steigender Atemrhythmus, zunehmender Druck im Nacken- oder Schulterbereich, eine nachlassende Wasserlage oder ein Zug, der sich unrund und kraftbetont anfühlt. Auch ein veränderter Rhythmus im Armzug oder das Gefühl, plötzlich weniger „Halt“ im Wasser zu haben, sind frühe Anzeichen.
Entscheidend ist nicht, diese Signale zu vermeiden, sondern sie bewusst wahrzunehmen. Wer lernt, Ermüdung rechtzeitig zu erkennen, kann Training gezielt steuern, bevor Technik deutlich zerfällt. Genau hier entsteht Trainingsqualität.
In der Praxis bedeutet das, Einheiten aktiv anzupassen: durch kurze Pausen, eine leichte Reduktion des Tempos oder einen klaren technischen Fokus für die nächsten Bahnen. Statt einfach weiterzuschwimmen, wird Ermüdung so zum Feedbackinstrument.
Auf diese Weise entwickelst du ein besseres Körpergefühl und lernst, Technik nicht erst im Nachhinein zu analysieren, sondern während des Schwimmens bewusst zu steuern.
Verbindung zu Ausdauer und Wochenstruktur
Technik unter Ermüdung steht in engem Zusammenhang mit Schwimmausdauer und Wochenstruktur. Wer seine Woche sinnvoll strukturiert und Ausdauerreize gezielt setzt, schafft die Grundlage dafür, Technik auch unter Belastung zu halten.
Diese Zusammenhänge wurden in den Artikeln zu Ausdauer (KW 6) und Wochenstruktur bereits aufgegriffen.
Wenn Technik unter Belastung immer wieder zerfällt
Wenn du das Gefühl hast, dass deine Technik unter Belastung regelmäßig einbricht, liegt das selten an fehlender Motivation. Oft fehlt eine klare Struktur im Training.
Gemeinsam analysieren wir, an welcher Stelle deine Technik unter Ermüdung nachlässt, und entwickeln Trainingsansätze, mit denen du technische Stabilität gezielt aufbauen kannst. Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, melde dich gern über mein Kontaktformular.
Fazit
Technik unter Ermüdung ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis aus Trainingsstruktur, bewusster Temposteuerung und gezielt eingesetzter Regeneration. Entscheidend ist nicht, ob Ermüdung im Training auftritt, sondern wie sie entsteht und wie bewusst mit ihr umgegangen wird.
Wer Ermüdung ausschließlich als etwas Negatives betrachtet, verschenkt wertvolles Trainingspotenzial. Richtig eingesetzt wird sie zu einem wichtigen Lernreiz. Unter kontrollierter Ermüdung zeigt sich, welche technischen Muster wirklich stabil sind – und wo noch unnötiger Widerstand, Spannungsverlust oder ineffiziente Bewegungen auftreten.
Langfristiger Fortschritt entsteht dann, wenn Technik nicht nur im ausgeruhten Zustand funktioniert, sondern auch unter steigender Belastung erhalten bleibt. Das erfordert Geduld, klare Schwerpunkte und den Mut, Einheiten bewusst zu steuern statt sie einfach „durchzuziehen“.
Wer lernt, Ermüdung gezielt zu dosieren und Technik dabei aktiv zu beobachten und zu korrigieren, wird nicht nur ausdauernder, sondern auch effizienter schwimmen. Genau darin liegt der Schlüssel für nachhaltigen Fortschritt – im Training ebenso wie im Wettkampf.
