sinnvoll oder überschätzt?
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ToggleDer Begriff V2max taucht im Ausdauersport immer wieder auf. Besonders im Lauf- und Radsport gilt sie als eine der wichtigsten Kennzahlen für Leistungsfähigkeit. Auch im Schwimmen wird V2max häufig genannt – in Trainingsplänen, Leistungsdiagnostiken oder als Begründung für sehr harte Serien.
Doch wie sinnvoll ist das Konzept der V2max im Schwimmen wirklich? Und vor allem: Für wen spielt sie tatsächlich eine entscheidende Rolle? Genau hier lohnt sich ein differenzierter Blick, denn Schwimmen folgt anderen Gesetzmäßigkeiten als viele andere Ausdauersportarten.
Was V2max eigentlich beschreibt
V2max (korrekt: VO2max) beschreibt die maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper pro Minute aufnehmen, transportieren und verwerten kann. Sie gilt als Maß für die aerobe Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems.
Diese Definition entspricht der gängigen sportwissenschaftlichen Beschreibung der VO2max, wie sie unter anderem in der Trainingslehre und Leistungsdiagnostik verwendet wird. Eine gut verständliche und fachlich korrekte Übersicht findest du z. B. hier: VO2max – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/VO2max).
Je höher die V2max, desto größer ist theoretisch das Potenzial, Energie über aerobe Prozesse bereitzustellen. In Sportarten mit zyklischen, vergleichsweise einfachen Bewegungen lässt sich daraus oft relativ direkt auf die mögliche Leistungsfähigkeit schließen.
Warum sich V2max nicht 1:1 auf Schwimmen übertragen lässt
Im Schwimmen entscheidet nicht nur die Sauerstoffaufnahme darüber, wie schnell oder ausdauernd jemand ist. Wasserlage, Technik, Koordination und Widerstand spielen eine deutlich größere Rolle als an Land.
Ein Schwimmer mit hoher V2max kann dennoch langsam sein, wenn ein großer Teil der aufgebrachten Energie im Wasserwiderstand verpufft. Umgekehrt können technisch sehr effiziente Schwimmer mit moderater V2max erstaunlich schnell und ausdauernd schwimmen.
Das macht die Aussagekraft der V2max im Schwimmen deutlich begrenzter.
Technik als limitierender Faktor
Im Schwimmen ist Technik der entscheidende Filter zwischen physiologischer Leistungsfähigkeit und tatsächlicher Geschwindigkeit. Nur wenn Technik stabil ist, kann die vorhandene Ausdauerleistung sinnvoll genutzt werden.
Gerade unter Ermüdung zeigt sich, wie viel der theoretischen Leistungsfähigkeit wirklich abrufbar ist. Zerfällt die Technik, steigt der Widerstand – unabhängig davon, wie gut Herz und Lunge arbeiten.
Dieser Zusammenhang wurde bereits im Artikel „Technik unter Ermüdung: Warum sie plötzlich zerfällt“ ausführlich beschrieben.
Typische Missverständnisse rund um V2max-Training
Viele Schwimmer setzen V2max-Training mit möglichst harten, kurzen Serien gleich. Häufig entstehen dadurch Einheiten mit sehr hoher Intensität, kurzen Pausen und starkem Ermüdungsgrad. Das Training fühlt sich extrem fordernd an und vermittelt das Gefühl, besonders „effektiv“ zu sein.
Ein zentrales Missverständnis dabei ist die Annahme, dass maximale Anstrengung automatisch zu maximalem Fortschritt führt. Im Schwimmen ist das jedoch selten der Fall. Durch die hohe Ermüdung verschiebt sich der Fokus weg von Technik und Wassergefühl hin zum reinen Durchhalten. Bewegungen werden gröber, der Wasserwiderstand steigt und die Effizienz sinkt.
Das Problem: Solche Einheiten belasten zwar Herz-Kreislauf-System und Muskulatur stark, verbessern aber nicht automatisch die Schwimmleistung. Ohne stabile Technik und klare Temposteuerung wird vor allem gelernt, unter maximaler Belastung ineffizient zu schwimmen. Der Körper passt sich dann genau an dieses Muster an.
Hinzu kommt, dass echte V2max-Reize im Schwimmen nur sehr kurz wirksam sind und eine saubere technische Ausführung erfordern. Auch in der Trainingswissenschaft wird beschrieben, dass VO2max-Training vor allem über kurze, hochintensive Belastungen mit ausreichender Erholung wirkt. Werden Serien zu lang oder Pausen zu kurz gewählt, rutscht das Training schnell in einen unspezifischen Bereich, der weder gezielt die V2max verbessert noch die Schwimmökonomie. Eine gut verständliche Einordnung dazu findest du z. B. hier: VO2max – Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/VO2max).
V2max-Training wird dadurch häufig überschätzt, weil es messbar hart ist, aber nicht zwingend das adressiert, was die Leistung im Wasser am stärksten limitiert.
Wann V2max-Training im Schwimmen sinnvoll sein kann
V2max-orientierte Reize können im Schwimmen sinnvoll sein, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören eine stabile Technik, ausreichende Grundlagenausdauer und die Fähigkeit, hohe Intensitäten kontrolliert zu schwimmen. Ohne diese Basis wird V2max-Training schnell zu einer reinen Belastungsprobe, die wenig zur tatsächlichen Leistungsentwicklung beiträgt.
Entscheidend ist vor allem die Dosierung. Im Schwimmen sollte der Anteil von V2max-orientierten Inhalten im Wochenumfang bewusst gering gehalten werden. Für die meisten erwachsenen Schwimmer und Triathleten liegt ein sinnvoller Anteil bei etwa 5–10 % der gesamten Schwimmtrainingszeit. Bei sehr ambitionierten Schwimmern kann dieser Anteil phasenweise etwas höher liegen, bleibt aber auch dort klar begrenzt.
Diese Reize sollten zudem nicht dauerhaft, sondern periodisiert eingesetzt werden. V2max-Training eignet sich vor allem für kurze Trainingsphasen, etwa zur gezielten Leistungsaktivierung oder als Ergänzung in wettkampfnahen Abschnitten. In umfangreichen Grundlagenphasen spielt es hingegen nur eine untergeordnete Rolle.
Wichtig ist außerdem, dass V2max-Serien technisch sauber geschwommen werden. Die Intensität muss hoch genug sein, um das Herz-Kreislauf-System maximal zu fordern, gleichzeitig aber so kontrolliert bleiben, dass Technik und Rhythmus nicht frühzeitig zerfallen. Längere Erholungsphasen zwischen den Belastungen sind dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern Voraussetzung dafür, den gewünschten Trainingsreiz überhaupt zu erreichen.
Richtig dosiert eingesetzt kann V2max-Training das maximale Leistungsniveau anheben. Überbetont oder zu häufig geschwommen verliert es jedoch schnell seine Wirkung und verdrängt Trainingsinhalte, die für die meisten Schwimmer deutlich relevanter wären.
Für wen V2max-Training meist überschätzt ist
Für viele erwachsene Schwimmer, Triathleten und Wiedereinsteiger ist V2max nicht der limitierende Faktor. Häufig begrenzen Technik, Temposteuerung, Pausengestaltung oder Wochenstruktur die Leistung deutlich stärker.
In diesen Fällen bringt es mehr, an Effizienz, Rhythmus und Stabilität zu arbeiten, statt regelmäßig maximale Intensitäten zu schwimmen.
Der Zusammenhang zwischen V2max, Tempo und Ausdauer
V2max ist nur ein Baustein im Gesamtbild der Ausdauerleistung. Entscheidend ist, wie viel Prozent dieser maximalen Leistungsfähigkeit über längere Zeit aufrechterhalten werden können.
Genau hier kommen Temposteuerung, Pausen und Wochenstruktur ins Spiel – Themen, die in den vorherigen Artikeln der Serie behandelt wurden.
Praxisorientierter Blick statt Kennzahlen-Fixierung
Im Trainingsalltag ist es oft sinnvoller, sich an wahrnehmbaren Kriterien zu orientieren: Technikstabilität, gleichmäßiges Tempo, kontrollierte Atmung und reproduzierbare Serien.
Diese Faktoren geben häufig mehr Aufschluss über den Trainingszustand als eine einzelne Kennzahl.
Wenn Leistungsdiagnostik sinnvoll wird
Leistungsdiagnostik kann im Schwimmen sinnvoll sein, wenn sie richtig eingeordnet wird. Sie sollte als Orientierung dienen, nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage.
Wer seine Trainingssteuerung ausschließlich an Zahlen ausrichtet, läuft Gefahr, wichtige qualitative Aspekte zu vernachlässigen.
Fazit
V2max ist auch im Schwimmen eine relevante Größe – aber sie wird häufig überschätzt. Entscheidend ist nicht, wie hoch die theoretische Leistungsfähigkeit ist, sondern wie effizient sie im Wasser umgesetzt werden kann.
Wer Technik, Temposteuerung und Struktur priorisiert, schafft die Grundlage dafür, vorhandene Ausdauerleistung wirklich nutzbar zu machen. V2max-Training kann dann gezielt ergänzen – nicht dominieren.
